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| Tur Abdin 1993 Zur Lage der Christen im Südosten der Türkei Von der 'Solidaritätsgruppe Tur Abdin' |
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| DER TUR ABDIN IN DER ZERREISSPROBE Beobachtungen, Einschätzungen und Anmerkungen zur gegenwärtigen Situation Verschärfte Situation im Tur Abdin Das Jahr 1993 war für Christen im Tur Abdin ein schweres und dunkles Jahr. Die Situation hat sich gegenüber den Vorjahren erheblich verschärft. Die verschiedenen Ereignisse haben die kleine Schar der Christen im Tur Abdin sehr verunsichert. Sie leben in großer Angst, weil sie diskriminiert werden, weil ihre Menschenrechte nicht geachtet werden, weil sie keinen hinreichenden Schutz genießen, um sich religiös, ethnisch und kulturell entfalten zu können. Manche Ereignisse des Jahres 1993 deuten darauf hin, dass der Tur Abdin, der ursprünglich rein christlich war und die angestammte Heimat der syrisch-orthodoxen, aber auch anderer Christen ist, anscheinend ethnisch und religiös "gesäubert " werden soll, um dieses schlimme Wort aus dem Lexikon des Unmenschen zu gebrauchen. Wie die Ereignisse im letzten und in den vorangegangenen Jahren zeigen, sollen paramilitärische Kräfte unter Kontrolle und anscheinend auch im Einverständnis mit dem türkischen Militär agieren, um dieses Vorhaben auszuführen. Diese Ereignisse haben deutlich gemacht, dass der Tur Abdin als Ganzes in Gefahr ist! Trotz vieler Proteste und Interventionen bei kirchlichen Verantwortungsträgern und vor allem bei politisch Verantwortlichen in verschiedenen europäischen Ländern, die als Reaktion auf die Ereignisse geschrieben und unternommen wurden, konnte die Situation der Christen im Tur Abdin nicht verbessert werden. Politiker wurden bei türkischen Regierungsstellen vorstellig, schrieben Briefe, schickten Faxe, telefonierten mit den zuständigen türkischen Politikern oder stehen bis dato mit ihnen im Gespräch. Bestimmt wurden viele engagierte und deutliche Vorstöße von unseren Politikern in Richtung türkische Regierung unternommen, um die Situation der Christen zu verbessern. Aber leider mussten immer wieder auch diplomatische Rücksichten gegenüber dem befreundeten türkischen Staat genommen werden, nicht zuletzt auch wegen der grausamen Überfälle auf türkische Mitbürger, die von Rechtsradikalen in Deutschland verübt wurden. Klar ist auch, dass die türkische Regierung sehr allergisch auf kritische Äußerungen reagiert, die die Menschenrechtssituation und die Situation der Minderheiten im Blick haben. Von Seiten des türkischen Regierung wird dies als Einmischung in innere Angelegenheiten apostrophiert und sei unter Freunden nicht üblich, so die Leseart der türkischen Seite. Die faktische Rechtlosigkeit der Christen im türkischen Staat, besonders in der Region des Tur Abdin, konnte bislang nicht aufgehoben werden. Der deutsche Bundesaußenminister Dr. Klaus Kinkel wies am 27.11.1993 u.a. darauf hin, dass es bei den Kontakten mit seinen türkischen Gesprächspartnern immer wieder sein Anliegen sei, auf die Einhaltung der Menschenrechte und auf die Gewährung eines effektiven Minderheitenschutzes deutlich hinzuweisen und dies auch für die im Tur Abdin lebenden Christen einzufordern. Dies sind wichtige und ermutigende Worte! Vergleicht man aber Aussagen und Realität, dann ist klar: Der Weg bis zur Realisierung dieser für die Christen und auch für andere Minderheiten im Südosten der Türkei ganz entscheidenden Anliegen ist leider noch unendlich lang. Das Überleben der Christen und der ganzen Region hängt davon ab! "Solidaritätsgruppe Tur Abdin" Im Frühjahr 1993 wurde die "Solidaritätsgruppe Tur Abdin" gegründet. Sie versteht sich als ein loser Zusammenschluss von engagierten Gruppen und Einzelpersonen aus der katholischen und evangelischen Kirche, aus der syrisch-orthodoxen Kirche, aus verschiedenen Organisationen der Volksgruppe und aus verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Die Mitglieder verbindet das gemeinsame Engagement und die gemeinsame Verantwortung für den Erhalt des Tur Abdin. Die Aufgaben dieser Solidaritätsgruppe sind u.a. Kontakte und Besuche im Tur Abdin, Aufbereitung und Weitergabe von Informationen in der kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit, Kontakte zu den jeweiligen Kirchenleitungen und zu politischen Verantwortungsträgern, Initiativen und Aktionen zugunsten des Tur Abdin, Förderung von Kleinprojekten im Tur Abdin, Unterstützung und Förderung der Menschenrechtsarbeit für den Tur Abdin. Ziel aller Bemühungen ist der Erhalt und die Unterstützung des Tur Abdin als einem der ältesten christlichen Gebiete. Denn: Der Tur Abdin, seine Dörfer, seine Kirchen und seine Menschen dürfen als Teil der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft nicht aufgegeben werden. Standhalten oder flüchten? Die Mitglieder der Solidaritätsgruppe sind sich bewusst, dass diese Zielvorstellung ein schwieriges, vielleicht sogar aussichtsloses Unterfangen ist angesichts der Tatsachen der letzten Jahre und der damit verbundenen Eskalation der Situation. Alles deutet darauf hin, dass der Tur Abdin äußerst gefährdet und vielleicht nicht mehr zu halten ist. Im Bewusstsein vieler Betroffener, die in der Zwischenzeit ihr Leben ins westliche Ausland gerettet haben, weil für sie die Lebensperspektive im Tur Abdin aussichtslos ist und die Situation Züge einer Verfolgung aufzeigt, aber auch im Bewusstsein vieler Fachleute, die den Tur Abdin und seine Probleme seit Jahren kennen, scheint der Tur Abdin aufgegeben zu sein. Ein angstfreies, rechtlich gesichertes und auf den Menschenrechten basierendes Leben scheint dort kaum mehr möglich zu sein. Die Abwanderung und Flucht aus dem Tur Abdin findet bis auf den heutigen Tag kein Ende. Die kleine Minderheit wird zwischen den Mühlsteinen zerrieben. Die Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Militär und der radikalen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) werden auch auf dem Rücken der Christen im Südosten der Türkei ausgetragen. Verschärft wird diese angespannte Situation durch die an Einfluss gewinnende fundamentalistische Bewegung der Hisbollah (Gottespartei), einer radikalen Strömung des Islam aus dem Iran, die gegenüber den Christen eine äußerst intolerante und militante Haltung einnimmt und den Christen ihr Existenzrecht in ihrer ursprünglichen Heimat bestreitet. Der Tur Abdin ist, so sagen viele, nicht mehr zu halten. Weiter heißt es: Im Tur Abdin wird die Kirche und auch der christliche Glaube in den kommenden Jahren aussterben, weil die Menschen fehlen, die ihn praktizieren und weitergeben. Eine "sterbende Kirche" begegnet uns im Tur Abdin, und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses Gebiet unter dem bestehenden Druck vollends aufgegeben wird und auch die wenigen Christen, die gegenwärtig noch ausharren, im westlichen Ausland bei ihren Angehörigen Zuflucht finden oder aus humanitären Gründen von den westlichen Regierungen auf Grund ihrer bedrängten Situation als Flüchtlinge aufgenommen werden. Die Position des Patriarchats in Damaskus Mit dieser eben geschilderte Position will sich die Solidaritätsgruppe nicht abfinden, obwohl die Ereignisse und Entwicklungen in vieler Hinsicht dafür sprechen. Auch die syrisch-orthodoxe Kirche wird den Tur Abdin nicht aufgeben. Dies bekräftigte das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche, Seine Heiligkeit Patriarch Ignatius Zakka I. Iwas aus Damaskus bei einem Gespräch im April 1993. Dort betonte er, dass sich die syrisch-orthodoxen Christen in Europa nicht halten werden, wenn sie nicht ihrerseits den Tur Abdin halten. Wörtlich sagte er: "Dort liegen die Wurzeln, ohne die sie nicht überleben werden." Deshalb werden, so der Patriarch, alle Aktivitäten unterstützt, die zur Aufrechterhaltung der christlichen Identität des Tur Abdin beitragen (KATHPRESS Nr. 122 v. 28.5.1993, S. 9). |
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